Giovanni
H E R M E T I C S
(Strategies for the head: guided by wisdom)


Dritter Standort (Giovannis Haus)
Fragment: der Maler

4)
Sein Land birgt keine Erde,
sein Äcker erbringen keine Ernte.
Seine Weiden spüren weder Tau noch Dürre.
Seine Wälder erwarten weder Unterschlupf
noch Durchquerung.
Seine Berge dulden keine Besteigung,
seine Täler gewähren keinen Schutz.
Seine Meere tragen kein Wasser,
seine Flüsse strömen ohne Bett.
Seine Dörfer werden nicht angelegt,
seine Städte nicht erbaut.
Sein Dasein kennt keinen Boden.
Sein Geist wohnt in jedem Leib.

7)
Sei ein Grenzgänger zwischen
Mysterium und Spuk.
Nehme was der Wahrheit gestohlen wird,
gebe was nicht empfangen werden kann.


9)
Verlassen Sie Strassen und Kämpfer,
vergessen Sie Chaos und Triumph.
Suchen Sie Gras zum Schneiden,
finden Sie Erde für Ihr Sieb.

Legen Sie Hände unter Füsse,
holen Sie Münder aus Augen.
Verbergen Sie Steine in Mauern,
Bäume in Wäldern, Flammen in Feuer.
Schicken Sie Licht zur Sonne.

Nässen Sie Ihre Zunge an Sternen,
wässern Sie Ihren Blick mit
himmlischem Blut.
Plündern Sie Worte aus Ihrer Sprache,
Säen Sie Geist in Ihre Bilder.

Bleibt das Herz leer:
legen Sie Glauben in Ihre Arbeit,
schmeicheln Sie Gefühl in Ihr Denken.
Reichen Sie nach Sternen und Steinen.

Ruhen Sie nicht in Palästen.
Umsäumen Sie Ihren Platz mit Standhaftigkeit
und füllen Sie Ihren Teich mit Spiegelungen.
Gründen Sie Handlungen auf Ihrer Bestimmung.

Verhindern Sie Verfärben und Ausrutschen,
seien Sie die Grenze zwischen allen Dingen.


’Reflecties op de Schilderkunst II /
’De schilder’, (Dutch)
Academie Pers Minerva, Groningen, 1996.


Giovanni
Fragment: Zweiter Standort (Der Zug)

3)
Wenn die Worte den Geist
widerspiegeln und dabei seine
Bestimmung veräussern, dann
reibe Licht aus Dunkelheit,
wringe Kühle aus Hitze. Pflege
das Feuer mit Wärme, den Wald
mit baumen. Lege das Ohr
an den Wind und den Mund
streichle auf Stein.
Blase Luft zur Erinnerung.


From the catalogue: ’Kunst, Europa’,
ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft
deutscher Kunstvereine e.V.,1991

Giovanni

First fragment: First Location (Datsja, in the country)


Spot barriers, obstacles,
impediments. Avoid or overthrow. Further,
write with snakes, spy with owls, flow
with water, grain with sand. Leave systems,
derail out of history, run wild with
the truth. Avoid the answer, follow the
question. In cold blood. Ne fronti crede.
Conceal the deadly stab, show the scratch.
Bear fruit like the elephant. Build with beavers,
fly with eagles.  Keep the blood warm.
Take root like rhizome, crown with trees.
Don’t be afraid of books and buildings.
(when the sun shines like never before. Conquer
the citadel while the twilight moves
west).
The earth is warm. Rest with the stars, dream
among planets. Keep your head in cool spheres.
See without knowing, know without seeing.
Think amidst crystal. Work
in all circumstances. Control the hand.
Avoid the clacking of tongues, the hissing of
mouths. Be in quiet places. Study
the corresponding difference. Prevent the firing
of missiles, the poisoning of food,
the deafening of ears and the blinding of eyes.
Do not hide in beds.
Besiege squares  and promenades, sweat near cold walls,
glow against steel doors.
Build barricades in suburbs.
Extract thought from melancholy and sentimentality,
from suspicion and credulity.
When moments criss-cross, breathe without words.
Recognize the dance of tripods.
Go erected where monkeys quadruped.
If need be: cover hands with ears, fill mouths
with stones.
(If light climbs from night to dawn or water rises
to the rain; if plants grow towards seed; if the animal
moves towards birth – then break with iron
the illusion of order and perfection).
Strive on paths of perseverance and labour for
elevation.
Direct your view at unlit spots, conduct the touch
in untouched spaces.
Rest under deep-rooted trees, gather near
ancient springs.
Engrave signs of power.



From the catalogue:
"Ton Mars"
(The Corresponding Difference)
Galerie Cora Hölzl
Düsseldorf
1988






Giovanni
Fragment: Fifth Location (Rachmans Cellar)

Snij gedachten uit beelden.
Been woorden uit taal.
Bouw geraamte naar raamwerk.
Stort diepte in het vat.


From the catalogue "Ton Mars" (Echoes & Boundaries),
1994. Galerie Cora Hölzl, Düsseldorf and Galerie Akinci, Amsterdam

 
 
Rachman
H E R M E T I C S
(Strategies for the head: guided by reason)


Dritter Standort (Giovannis Haus)
Fragment: der Maler

1)
Eine offene Stuktur ist die Wirklichkeit,
durch den die Wind weht.
Allem Anschein zum Trotz,
hat nichts darin festen Platz oder bleibenden Sinn.

3)
Fleischgewordenes Missverständniss sind wir
und dennoch deuten viele in dieselbe Richtung!
Unsere Worte evozieren Bilder,
unsere Bilder evozieren Worte.
Worte und Bilder: die Bausteine unserer Wirklichkeit.
Bauend an der Zukunft, vernichten wir den Ursprung.
Ohne Worte noch ohne Bilder können wir leben.
Heimatlose oder Wanderer, frage den Maler.
Welche ist sein Platz im Dasein?


5)
Der Maler ist ein Schwindler,
ein Spieler der zudringlichsten Art.
Er lügt und spielt um die Wirklichkeit.
Wild und aufsehenerregend,
pfiffig und naiv zugleich.
Er zeigt uns ein Gemälde und
nennt es Bild. Er zeigt uns ein Bild
und nennt es Wirklichkeit.
Er tanzt mit der Wahrheit,
aber in seinen Händen wird sie Schattenriss.
Er verkehrt mit Ansichten, aber
in seinen Griff werden sie Illusionen.
Er schläft mit Ideologien,
aber in seinen Armen werden sie Träume.
Schwindler, Spieler und Spekulant!
Er hisst sich auf die kräftigsten Schultern,
duckt sich in den Windschatten
der breitesten Rücken.
Setzt ihn in den Wind und
wir werden sehen was ihm widerfährt.

8)
Male, male dich selbst.
Du Brustschmeichler, Schossducker
und Arschkriecher!
Spieler in Verwertung und Verbrauch.
Du Wadenschleicher und Schenkelstromer,
Achselstreichler und Speichellecker!
Intrigant und Händler in Schein.
Du Mundsauger und Ohrenzieher!
Prophet oder Scharlatan,
es ist mir egal.
Mein Denken bugsiert in Worten herum,
das deine irrt in Bildern umher.
Meine und deine Zukunft wird geboren
auf verschiedene Planeten.
Spieler, male dein Spiel.
Maler, dein Spiel durchschaue ich schnell.


From: ’Reflecties op de Schilderkunst II /
De schilder’, (Dutch)
Academie Pers Minerva, Groningen, 1996.



Rachman
Fragment: Zweiter Standort (der Zug)


2)
Worte! Worte! Worte!
Harte Worte, sanfte Worte. Grüne,
gelbe, blaue und rote Worte. Männliche
und weibliche. Erhabene und
heilige, mächtige und tötliche
Worte. Armselige, fremde, junge
und alte, suchende, liebende und
schlaue Worte.
Organische oder gründliche, idealistische
oder sinnliche, vermutende
oder chaotische Wort. Volle Worte
neben leeren Worten. Vorläufige
unter ewigen Worten.
Sogar wörtliche Worte! Mit, durch
und in sie irrt die Zeit. Die Worte
zaubern uns jede Geschichte vor. Sie
spielen in abenteuerlichen Buchstaben
oder ersinnen süchtige Rhetorik.
Sie wirbeln in naiven Gedanken
oder leugnen jeden Zweck.
Sie wälzen sich in Verschwendung,
maskieren ihre Herkunft oder
rebellieren, aber siegreich, entfernen
sie sich geschwind von ihrem Ziel.


From the catalogue: ’Kunst, Europa’,
ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft
deutscher Kunstvereine e.V.,1991

Rachman

Fragment: Fourth Location (Under the boabab tree) 

(Bad thoughts)

The Artist is a fool.
The artist thinks he is a pioneer,
the artist has no ground.

The artist is an idiot.
The artist thinks he is an explorer,
the artist has no field.

The artist is a loser.
The artist thinks he is a pilgrim,
the artist has no destination.

The artist is mad.
The artist thinks he is a rebel,
the artist has no guts.

The artist is stupid.
The artist thinks he is a strategist,
the artist has no plan.

The artist is mellow.
The artist thinks he is a creator,
the artist has a problem.

The artist is weak.
The artist thinks he is a reformer,
the artist has no resistance.

The artist is blind.
The artist thinks he is a guide,
the artist has no track.

The artist is mute.
The artist thinks he is a messenger,
the artist has no language.

The artist is deaf.
The artist thinks he is a medium,
the artist has no vocation.

The artist is lost.
The artist thinks he is a nomad,
the artist has no position.


From the book "AB UNO / AD UNUM (Africa)" by Ton Mars & Katalin Herzog, 2001 Museum am Ostwall, Dortmund.












Rachman

Fragment: Fifth Location (Rachmans Cellar)

Waar geen richting is, bestaat geen leugen.
Waar geen doel is, heerst geen woord.
Daar ver vandaan zweven wij in woorden
als water in stoom.


From the catalogue "Ton Mars" (Echoes & Boundaries), 1994.Galerie Cora Hölzl, Düsseldorf and Galerie Akinci, Amsterdam


 
 
Anthony (Mink) Swindon
H E R M E T I C S
(Strategies for the head: guided by feeling)


Dritter Standort (Giovannis Haus)
Fragment: der Maler

2)
Zuviele Gegenstände bleiben unberührt.
Zuviele Gedanken bleiben unausgesprochen.
Mit der unbändigen Energie eines Sturmes
fliegen wir vom Einem zum Anderen,
vom Neuen zum Erneuerten,
vom Bekannten zum Unbekannten und zurück.
Wir sind Heimatlose, voll Sehnsucht nach
einem Fleckchen.
Wir sind Wanderer in Gefrässigkeit.

6)
Scheine, Maler scheine!
In königlichem Gelb,
in Teufelsrot und jungfräulichem Blau.
Scheine, Maler scheine!
In reinigendem Weiss und vertieftem Schwarz.
Scheine, Maler scheine!
Über Räson und Reim hinaus.
Verdrehe meinen Kopf,
kreise in meinem Geist.
Verlocke mein Auge in Ordnung und Schönheit.
Verführe meinen Blick mit Chaos und Abenteuer.
Schwindele mir mit Wahrheit und Dichtung,
hülle mich in deine Utopie.
Sei der Eindringling den ich zu
meinem Gast mache, der Verführer
den ich zu meinem Führer ernenne.
Oh Scharlatan, ich bekehre dich zum Propheten.
Oh Botschafter, ich benutze dich als Dieb.
Verdichte meine Leere, verlängere meine Zeit.
Stehle mich aus dieser nackten Wirklichkeit.
Kühle mich mit dem Eis deines
Beharrens, wärme mich mit der Glut
deiner Überzeugung.
Verschlage mir die Sprache, spreche mich frei.
Schenke mir Träume für ein Fleckchen,
Phantasie für ein Haus.
Entzweie meine Decke
und erschüttere meinen Boden.
Öffne meine Fenster und entreigele meine Tür.
Scharnier zwischen allen Möglichkeiten,
lenke mich in alle Richtungen

From: ’Reflecties op de Schilderkunst II /
De schilder’, (Dutch)
Academie Pers Minerva, Groningen, 1996.


Anthony (Mink) Swindon
Fragment: Zweiter Standort (Der Zug)

1)
Ach, sieh, wie die Worte drehen mit
Türen, wie sie kreisen auf Plätzen.
Lausche, wie sie stöhnen in Gängen
und schmachten in Strassen. Fühle,
wie sie sich erhitzen in Zeitschriften,
frieren in Banken und verrohen auf
Autobahnen.


From the catalogue: ’Kunst, Europa’,
ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft
deutscher Kunstvereine e.V., 1991

Anthony (Mink) Swindon

First fragment: First Location (Datsja, in the country) 

I recall the brooklet. How we leapt from bank to bank;
zigzag.
I recall that on some places there was too much water and
how we leapt over stones from bank to bank.
I recall how excited we were and how it drove
and encouraged us to new challenges.
I recall the spot where the brooklet emptied into the river
and where the banks grew wider downstreams.
I recall precisely how our eyes met, fearful and courageous,
spirited and timid; and how the glittering stones tempted us.
The other bank was far away, but came closer and closer
in our ambitious minds.


Third fragment: First Location (Datsja, in the country)

Zijn wij niet sprokkelaars van tijdelijkheid en vergroeien onze ontmoetingen niet als twijgen en takken tot één gekruind vlechtwerk.                              


From the catalogue "Ton Mars" (Echoes & Boundaries), 1994.Galerie Cora Hölzl, Düsseldorf and Galerie Akinci, Amsterdam






Anthony (Mink) Swindon

Fragment: Erste Standort (Datsja, auf dem Land)

Von Korn zu Stein,
von Stern zu Planet
reisen Zählen und Sammeln.
Von Krone zu Spitze,
von Blüte zu Rispe
schwingen Sehen und Vergessen.


From the book "AB UNO / AD UNUM (Africa)" by Ton Mars & Katalin Herzog, 2001 Museum am Ostwall, Dortmund.